Freitag, 22. September 2017

Nur ein paar Gedanken zum Andromedings

Ich hab mir in den letzten Tage ein paar Gedanken gemacht. Kann sein, dass die wirr sind, aber ich schreib sie trotzdem mal auf. Mal schauen, wie ich in sieben Jahren darüber denke, wenn ich zurückblicke.

Ich lese ja gerade zum ersten Mal den Zyklus um die "Meister der Insel". Schon als ich 2011 in Mannheim so richtig mit der Perry Rhodan Serie in Berührung kam, war der einhellige Tenor unter den Fans: "Das ist der BESTE Zyklus aller Zeiten." Dicht gefolgt von: "Danach ging es bergab."
Da ich ja zu den Spätinfizierten gehöre und damals völlig fasziniert war, welche Welt sich mir mit dem Perryversum auftat, war für mich nur schwer zu glauben, dass etwas noch besser sein könnte, als der damals aktuelle Zyklus.

Höre ich mich heute um, gibt es immer noch Stimmen, die nichts auf MdI kommen lassen, wobei sich in diesen Chor auch immer mehr Töne mischen, die da lauten: "Also, so würde man das heute nicht mehr schreiben. Die Dramaturgie ist so vorhersehbar. Der Gegner kommt so unangekündigt. Der Stil ist hölzern." undsoweiter, undsoweiter ...

Ja, was denn jetzt?

Das Schöne am Heftehaufenblog ist ja für mich, die Diskussion mit anderen Fans. (Von der Meinung, das hier sei ein reines Lesetagebuch, bin ich glaube ich schon Ende Januar abgerückt ;) Das ist es zwar auch immer noch, aber ich liebe den Austausch mit anderen Lesern und Sammlern in den Kommentaren, auf Twitter oder Facebook. Einfach mal "Danke" an dieser Stelle.)

Jedenfalls, Meister der Insel, Kommentare. Gedanken ....

Was ist eigentlich das Maß für "Gut"?

Ich betrachte den MdI-Zyklus aus zwei Richtungen. Von vorne und von hinten, sozusagen.
Lese ich den Meister der Insel Zyklus ausschließlich vor dem Hintergrund der ersten 200 Perry-Rhodan-Romane, so bleibt gar keine Wahl, als das Ding großartig zu finden.
Zum ersten Mal gibt es keine Nummernrevue mehr, keine parallelen Handlungsstränge, die fast berührungslos nebeneinander herlaufen. Perry und seine Kumpels springen nicht mehr planlos von hier nach da und wieder zurück. Alles baut aufeinander auf, mit dem klaren Ziel, die Meister der Insel, und damit das Böse schlechthin zu finden. Dabei werden geschickt alte Fäden (die Sache mit den Posbis z.B.) aufgegriffen, mit neuem Garn versponnen. Für die körperliche Ähnlichkeit von Arkoniden und Menschen wird eine spannende Erklärung geboten (Ich hasse Zeitreisen ...) - alles folgt einem Plan über einhundert Hefte.
Das ist neu, das gab es noch nicht, das ist großartig.

Nun habe ich aber, um Helmut Kohl zu paraphrasieren, das Pech der späten Geburt. Meine Expokraten sind Uwe Anton, Christian Montillon und Vim Vandeman - versierte Geschichtenerzähler, in Wolle gefärbte Perrykenner und große Träumer, die wissen, wie man eine moderne Dramaturgie aufzieht. Und um die Sache noch schlimmer zu machen, habe ich 2011 dabei gesessen, als Frank Borsch den Fans Perry Rhodan Neo nahebrachte, eine Serie, die alte Namen nimmt und einen komplett anderen, moderneren Ansatz fährt und viel mehr auf die einzelnen Personen fokussiert. Ich las "Vision Terrania" und aus dem Holzschnitt Pery Rhodan der 60er wurde ein lebendiges Bild.
Vor diesem Hintergrund müsste ich eigentlich sagen: "Geh mir fort mit dem alten Zeug. Das ist hölzern, das ist platt, das ist vorhersehbar."

Doch halt!

Würde ich vor dem Hintergrund meiner Lesesozialisation die Altmeister der Insel in Bausch und Bogen verdammen, würde ich zwei wesentliche Faktoren übersehen: die Patina und die Alterung.

Ich erinnere mich, als Kind, die "Dreibeinigen Herrscher" gesehen zu haben. Diese BBC-Serie mit den bedrohlichen Monstern, die die Menschheit unterdrückt. Keine Folge durfte ich da verpassen.
Auch, als ich die Serie vor zwei Jahren noch einmal neu geschaut habe, war ich gebannt, hatte Szenen von früher vor Augen und musste beide Staffeln so schnell wie möglich anschauen, weil die alte Faszination wieder da war.
Und dann habe ich einen entscheidenden Fehler gemacht. Ich habe das Medium gewechselt und die Romanvorlage von John Christopher gelesen, was ich als Kind nicht getan habe. Und was soll ich sagen, es war eine Katastrophe.
Bei Licht betrachtet fand ich die vierbändige Trilogie um die dreibeinigen Herrscher ziemlichen Unfug, durchweg schlechte Science Fiction und nur in Maßen zu ertragen.
Ich habe lange nachgedacht, wo der Unterschied lag, bis mir klar wurde, dass mir für das Buch jedwede wohlwollende Erinnerung fehlt. Im Gegensatz zur Fernsehserie hatte sich über das Buch für mich keine Patina aus Faszination und Erinnerungen gelegt.
Ähnlich geht es mir mit den alten ???-Hörspielen und Büchern. Dramaturgisch mag der Band 100 "Toteninsel" aus der großen Detektivserie ja tausendmal besser sein, als etwa der "Superpapagei", aber ich habe eben dem dicken Mister Claudius beim Einschlafen zugehört. Und unter einer dicken Schicht aus Nostalgie tu ich das immer noch.
Nur leider fehlt mir dieser Patina-Faktor bei den Inselmeistern wegen meines verspäteten Einstieges. Dennoch glaube ich, könnte hier ein Grund für die ungebrochene Beliebtheit dieses Zyklus liegen.

Der zweite, vermutlich etwas weniger subjektive Faktor, ist die Alterung eines Werkes.
Letztens habe ich zum allerersten Mal den ersten Terminator-Film gesehen. (Schande über mich, dass es nicht schon eher war.) Dieser Film aus dem Jahr 1984 ist derartig zeitlos groß, dass es völlig egal ist, ob er nicht in zeitgemäßem Tempo oder mit schlimmen optischen Effekten daherkommt. Der Film war damals gut, und zwar so gut, dass er auch nach 30 Jahren noch gut ist. Ähnliches gilt meiner Meinung nach für "Der Pate" und Picards Enterprise (mit Ausnahme der Kinofilme).

Und vor diesem Hintergrund, dem Hintergrund der guten Alterung, kann ich nicht anders, als vor den Meistern der Insel meinen Hut zu ziehen. Mag manches noch so vorhersehbar, manches noch so hölzern sein, das was K.H. Scheer und die damaligen Autoren in diesem Zyklus geschaffen haben, ist einfach auch nach 50 Jahren noch verdammt gute Science Fiction.

So, und jetzt bitte, Diskussion frei. Sind die Meister der beste Zyklus aller Zeiten? Habe ich kompletten Murks geschrieben? Waren die Meister noch nie der beste Zyklus, sind die Atopen viel cooler?
Ich freue mich auf zahlreiche Kommentare hier und drüben bei FB und Twitter.

Kommentare:

  1. Dann will ich mal loslegen. ;)

    Also zuerst einmal kann ich dir bei vielen Punkten nur zustimmen. Außer natürlich vor allem bei einem Punkt: Ich liebe Zeitreisen! :D Man sollte es nur bei PR nicht übertreiben (Zurück in die Zukunft ist nunmal die beste SF-Komödie aller Zeiten).
    Ich würde MdI für mich bei weitem nicht als besten Zyklus ansehen, aber ich bin ja auch nicht damit eingestiegen. Für mich ist das nunmal die Gehirnodyssee in Naupaum und dieser Teilzyklus wird für mich immer die Nummer 1 sein, weil das die erste PR-Bände sind, dich ich gelesen habe. Da liegt meine Patina drauf. Und auch heute noch gibt es Stimmen, die eine Rückkehr nach Naupaum fordern.

    Und ja, ich kann mir die dreibeinigen Herrscher auch immer wieder ansehen, aber ich habe zusätzlich die Bücher schon als Jugendlicher gelesen (zumindest die ersten drei) und daher finde ich diese auch heute noch gut. Vor allem, weil der dritte Band die einzige Chance ist, die Geschichte zu beenden, da die dritte Staffel nie gedreht wurde.
    In die gleiche Kategorie würde wohl auch die Captain Future-Zeichentrickserie fallen.

    Zudem muss man jedes Werk auch immer im Kontext der Zeit sehen, in der es entstanden ist und nicht nur in dem Zeitrahmen, in dem man es zum ersten Mal gelesen hat. Ich habe gerade den ersten echten SF-Roman von Hugo Gernsback von 1911 (zumindest wird er als solcher angepriesen ;) ) beendet und er ist einerseits komplett lächerlich, andererseits komplett genial. Nach heutigen Maßstäben ist er deswegen lächerlich, weil viele der darin geäußerten Ideen und Plots absolut hanebüchen sind (erinnert das vielleicht ein wenig an die MdI und z.B. Horror? :D). Genial wiederum ist er, weil die Ideen darin ihrer Zeit teilweise so unglaublich weit voraus waren und dies auch teilweise heute noch sind (z.B. die vollständige Elektrifzierung des Verkehrs und eine Weltregierung). Auf der einen Seite steht eine für heutige Verhältnisse extrem magere Charakterisierung der Hauptpersonen (hm, wie war das noch mit den Mutanten damals?) und auf der anderen Seite eine bewunderungswürdige Knappheit des Schreibstils, die ich an diesen alten Romanen so liebe. Weil man nicht nach der Menge von Anschlägen bezahlt wurde, sondern pauschal pro Geschichte und die angepeilte Leserschaft nicht das Geld hatten, um sich dicke Schwarten zu kaufen, mussten die Autoren sich kurz halten und so viel Handlung wie möglich in maximal 140 Seiten packen. Kein Geschwafele und keine elend langen Beschreibungen ohne Handlung über dutzende Seiten, die ich z.B. bei Rainer Castor, so begnadet er auch ansonsten war, immer gehasst habe.

    Nicht umsonst stehen in meinen Bücherregalen auch viele alte Romane, die völlig unauffällig daherkommen, weil sie so dünn sind.

    Es ist also nicht nur die Patina und die persönliche Erfahrung der ersten Begegnung mit der Serie, die einen Zyklus wie den der MdI eine eigene Qualität geben. Es ist meiner Meinung nach der spezielle Stil der damaligen Zeit, in der kein Platz für ausufernde Charakter-Studien verschwendet werden konnte, weil die Handlung vorangebracht werden musste. Dass das auch durchaus mal daneben gehen konnte, zeigen sowohl der MdI-Zyklus wie auch locker die beiden nachfolgenden Zyklen zur Genüge. Und auch die darauf folgenden Jahrzehnte waren nicht arm an Fehlgriffen.
    Mein persönlicher Tiefpunkt war in dieser Hinsicht zum Beispiel der Neuroversums-Zyklus, bei dem ich es nicht erwarten konnte, das er endlich zuende ging.

    Und zum Abschluss, denn ich neige anscheinend auch zum Schwafeln, wie man mir schon des öfteren klar gemacht hat:
    Terminator ist einfach nur genial, egal wie alt der Film schon ist! :D

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    1. Du neigst nicht zum Schwafeln. Du solltest endlich einen Blog aufmachen. Ich schätze deine Meinung immer wieder und ziehe den Hut vor deinem Detailwissen. aber sowas von!

      Schreibt der mir hier nen eigenen Artikel als Kommentar, der Kerl ... ;)

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  2. Diese Patina-Interpretation ist sicher für viele langjährige Leser zutreffend, aber hier zweimal schön auf den Punkt gebracht.
    Ich bin seinerzeit mit der vierten Auflage einegstiegen und habe wenige Wochen später den Sprung in die Erstauflage gewagt. Band 863 war das erste Heft. Alles mit einem Zusammenhang mit Demeter hat daher auf mich diese besondere Ausstrahlung.
    Und hier jetzt die Parallele zu Ralf: Gleich anschließend stieg ich auch in die zweite Auflage ein. Naupaum! Gayt-Coor, Zeno, der Raytscha, Torytrae. Selbst nach so vielen Jahren habe ich viele Namen präsent. Unglaublich, welchen Eindruck das auf mich damals gemacht hat.
    Viele Jahre später, vor mittlerweile auch schon wieder 15 Jahren, las ich die Hefte ein zweites Mal (im Zuge meines Komplett-Lese-Experiments :-)). Und siehe da: der Zyklus hat immer noch meine Bestnote.
    Anmerkung: Ich bewerte nicht den Zyklus, sondern jedes einzelne Heft. Die Zyklus-Note ergibt sich als Mittelwert der betreffenden Hefte. Das ist ein ganz interessantes Vorgehen, denn manche Zyklen, die ich als "klasse" in Erinnerung habe, schneiden in der Summe ihrer Heftnoten nicht berauschend ab - und umgekehrt.
    Unverändert aber: Naupaum ist und bleibt mein Highlight. Also: Daumen hoch, Ralf ;-)

    Und: bitte weiter so, Martin. Mein Projekt stockt momentan. Honor Harrington hat Vorrang.

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    1. Die Bewertung jedes einzelnen Heftes nötigt mir immer noch riesigen Respekt ab. Absolut faszinierend, wenn man sein "Rundumbauchgefühl" dieser Detailwertung gegenüberstellen kann.

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  3. Das mit der Wahrnehmung ist ja schon sehr eine Sache des Zeitgeists. Ich habe die Meister der Insel, als ich sie zum ersten Mal vor mehr als 25 Jahren las, sehr toll gefunden. Damals war ich aber noch ein Kind und konnte mich an der Spannung der alten Hefte erfreuen und an den Schrecken der Hohlwelt. Ich fand Oxtorner und Okrill einfach cool, weil die so stark waren usw. Ich weiß aber auch noch, dass ich denn M87 Zyklus noch viel besser fand.

    Finde ich die aktuellen Zyklen jetzt besser? Weiß nicht... Ehrlich gesagt, finde ich gerade den Atopen Zyklus mit den Tiuphoren insgesamt richtig schlecht und die Tiuphoren sind meines Erachtens ein gutes Beispiel für den fatalen Versuch immer noch eines draufsetzen zu müssen. Dagegen sind die Meister der Insel doch wahre Menschenfreunde.

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    1. Interessante sichtweise. Wobei ich gerade die Meister als einen klaren Fall von "höher, schneller, böser" empfinde. Alles davor war kalter Kaffee, zumindest, was die Gegenspieler angeht.

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  4. Ich persönlich habe die Meister der Insel als Kind/Jugendlicher gelesen...muss inzwischen gut 20 Jahre her sein. Damals war der Zyklus der absolute Hammer. Meiner Erinnerung ist aber, nach so langer Zeit etwas verblasst und ob ich das heute noch genauso empfinden würde weiß ich nicht genau. Was ich weiß ist, dass mit NEO und der "zweiten Insel" das Feeling von früher wieder hochkommt...und das ist großartig. Bin zwar etwas im Verzug und erst bei 154, aber trotzdem löst es Glücksgefühle aus, wenn ich von Faktor I, Mirona Thetin oder Kalak lese.

    Die aktuellen Zyklen verfolge ich ebenso, wenn auch bei langen Autofahrten als Hörbuch. Die Atopen fand ich nicht besonders, die Tiuphoren dagegen, speziell ab 2876 im Kurzzyklus, anders als sehr viele andere Leser, haben mir gut gefallen. Auch der nicht ganz so beliebte Doppelzyklus um die Terminale Kolonne gefiel mir damals ausgezeichnet.

    Ich denke letztlich ist es persönliche Vorliebe, etwas Patina wie du schreibst und in einigen Dingen "klagen auf hohem Niveau", denn auch wenn der eine oder andere Roman oder Zyklus einem etwas weniger gefällt als andere, bleibt es "unser" Perry :)

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    1. Wahre Worte! Jeder hat halt seine Lieblinge. Ich spüre das Gerade bei der Lektüre von M 87, einem Zyklus, der zwar tolle Einzelhefte hat, mit dem ich aber nicht warm werde.
      Und was NEO und Andromeda angeht: Ich find das Ding immer noch großartig. Da du erst bei 154 bist, will ich nocht vorgreifen. Nur soviel: Das Beste kommt noch.

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